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Amygdala - Die VDTT Online-Zeitung

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Wieviel Bewegung braucht ein junger Hund

Wieviel Bewegung braucht ein junger Hund Image by AnjaGh from Pixabay Wieviel Bewegung braucht ein junger Hund

Kurzfassung

Welpen brauchen viel Bewegung. Genauer: Viel freie Bewegung. Dabei lernen sie ihren Körper zu koordinieren und Risiken einzuschätzen. Im Spiel mit anderen lernen sie, sich blitzschnell auf ihr Gegenüber und auf veränderte Situationen einzustellen. Bewegung fördert außerdem die Entwicklung des Gehirns und die Lernfähigkeit. Muskeln, Knochen und Gelenke können sich nur dann gesund entwickeln, wenn sie viel, variabel und altersgemäß beansprucht werden. Aber genau das fehlt heute vielen Welpen. Ihnen mangelt es an Gelegenheit, sich im eigenen Tempo, mit gleichaltrigen, gleichgroßen Artgenossen und welpenkompetenten erwachsenen Hunden frei zu bewegen. Das hat weitreichende Konsequenzen, nicht nur für ihre körperliche und geistige Entwicklung, sondern auch für ihr Wohlbefinden und ihre soziale Kompetenz.

Freie Bewegung ist wichtig für eine gesunde Entwicklung (Foto: Image by Ralf Bitzer from Pixabay)

Wieviel Bewegung braucht ein Hundewelpe

Welpen brauchen viel freie Bewegungsmöglichkeit. Fehlt es daran, leidet darunter die Entwicklung von Knochen- und Muskelskelett, einschließlich der so wichtigen Gelenkknorpel. Sind sie gesund, schützen sie die Gelenke vor Verschleiß. Aber nur bei ausreichender Bewegung wird das Knorpelgewebe so gut ernährt, dass es sich richtig entwickeln und seine Aufgabe ein Hundeleben lang erfüllen kann. Wenn nicht, ist die Entstehung sehr schmerzhafterGelenkserkrankungen vorprogrammiert.

Unter zu wenig Bewegung leidet auch die geistige Entwicklung. Raumerfahrung, Gleichgewichtssinn, Koordinationsfähigkeit werden unzureichend trainiert (Zusammenhänge, die auch für die Entwicklung von Kindern bekannt sind). Nicht ohne Grund ist der Bewegungsbedarf heranwachsender Hunde groß, das hat Mutter Natur ganz gut eingerichtet. Hundekinder wollen und müssen spielen und toben können. Bis sie schließlich voll belastbar und für ein Leben in Bewegung gerüstet sind. Aber wann ist wenig zu wenig? Wann ist viel zuviel? Vor allem Erstbesitzer sind da oft unsicher.

Die ersten 10-14 Tage

In den ersten zwei Wochen interessieren sich die Kleinen vor allem für Trinken und Schlafen. Noch blind, robben und kriechen sie unsicher umeinander auf der Suche nach der mütterlichen Milchquelle, nach Wärme durch physischen Kontakt zu ihr und zu den Wurfgeschwistern. Schlafen sie, dann scheinen sie eine Art mentales Training zu durchlaufen. Obwohl sie noch keine Bewegungs-Erfahrung haben und außer ihrer Geburt (hoffentlich) noch nichts erlebt haben als Nestwärme und Muttermilch, bewegen sie im Schlaf ihre Beine und zeigen Minenspiel, als würden sie die Muskeln für die ersten Ausflüge in die Welt trainieren. Gegen Ende der Periode öffnen sie die Augen.

Ab der dritten Woche nimmt der Bewegungsdrang deutlich zu

Ab der dritten Woche werden die Welpen mobil. Wackelig und tapsig zunächst, weil sich ihre Muskeln erst an die neuen Aufgaben gewöhnen müssen, erkunden die Youngster mit wachsendem Interesse und ständig erweitertem Radius die Umgebung. Der Geruchssinn verfeinert sich, das Gehör wird besser, die Augen lernen sehen. Diese aufregende neue Sinneswelt will erkundet werden. Im Miteinander von Geschwistern und Mutter, manchmal auch Tanten und Onkeln, im Umgang mit Menschen formt jeder Reiz das Verhalten der Kleinen und verbessert ihre Bewegungs-Koordination und Sozialkompetenz. Die ungewohnte Anstrengung und die vielen neuen Eindrücke machen aber auch schnell müde und das Schlafen ist noch immer die Hauptbeschäftigung.

Ab der dritten Woche werden Hundewelpen zunehmend mobil ((Image by Info > Selling of my photos to StockAgencies is not permitted from Pixabay)

Welpenkiste als Fitness-Studio

Bewegung und eingehende Sinnesreize fördern die Hirnentwicklung. Jedes Stolpern, jeder Rempler, jeder Erfolg beim Erreichen von Zielen, jeder Misserfolg bei deren Verfehlen sorgt dafür, dass das Gehirn lernt, wie es den Körper bedienen muss, damit eine koordinierte, erfolgreiche Bewegung überhaupt stattfinden kann. Das geschwisterliche Spiel dient den Welpen als Fitness-Studio. Im Raufen und Herumtollen trainieren sie sich gegenseitig und entwickeln die Fähigkeiten, die ein Welpe braucht, damit aus ihm ein gesunder Hund werden kann, versiert im Umgang mit Artgenossen und Menschen. Kaum ist der Welpe wach und ausgeschlafen, bewegt er sich. Nur für Nahrungsaufnahme wird die Erkundung der Welt unterbrochen. Ist er davon schließlich müde, legt er sich hin und schläft unverzüglich ein, manchmal an Ort und Stelle, was sehr niedlich zu beobachten ist. Niemals würde die Hundemutter den Bewegungsdrang der Heranwachsenden einschränken.

Welpen aus Massenvermehrungen, oft auch als Wühltischwelpen bezeichnet, können sich vor allem aufgrund von erheblichen Stresserfahrungen, Bewegungsmangel und fehlenden sozialen und Sinnesreizen nicht gesund entwickeln. Sie sind darum oft körperlich unterentwickelt, gesundheitlich sehr anfällig, ängstlich und sozial inkompetent.

Entwicklung im neuen Zuhause

Die meisten Welpen werden zwischen der achten und zwölften Lebenswoche abgegeben. Von da ab wacht ein Mensch über sie. Andere Hunde stehen als Sozial- und Sparringspartner meistens nicht oder nur gelegentlich zur Verfügung. Und weil viele Menschen Angst haben, ihr Welpe könne sich überlasten oder verletzen, erfahren die Kleinen jetzt eine Bewegungsbeschränkung, die mitunter erheblich ist. Kein Gang ohne Leine, dabei sorgt das Folgeverhalten erst einmal noch dafür, dass sie auch ohne Leine bei ihrem Menschen bleiben. Der Mensch, nicht sein Körper diktiert dem Kleinen, wann er ruhen und wann, wieviel, wo und wie er sich bewegen darf. Manchmal wird ihm nicht einmal mehr zugetraut, selbst zu merken, wann er müde ist. Natürlich soll er lernen, an der Leine zu gehen, keine Frage. Aber vor allem die freie Bewegung in allen Gangarten

  • trainiert die Muskulatur
  • stärkt die Knochen
  • verbessert Durchblutung und Stoffwechsel des Gehirns
  • fördert die geistige Entwicklung durch Lernerfahrung und Gedächtnisleistung
  • sorgt für emotionale Entwicklung und Ausgeglichenheit

Ausgelassenes Toben und Raufen mit gleichalten, gleichgroßen Hunden belastet das Skelett eines gesunden Welpen angemessen. Neben Muskulatur und Koordination von Bewegungen werden außerdem Reaktionsvermögen und Umgang mit unerwarteten Situationen trainiert, wichtig für ein Leben mit dem Menschen, wo für Hunde so vieles unerwartet kommt und durch sie nicht beeinflussbar ist. Wer das als Welpe und Junghund nicht ausreichend trainieren kann, gerät als erwachsener Hund viel schneller unter Stress.

Welpentolerante erwachsene Hunde sind tolle Pädagogen für stürmische Youngster (Foto: Patricia Lösche)

Bewegung und Sozialverhalten hängen zusammen

In der freien Bewegung lernt der junge Hund seine Belastungsgrenzen kennen und Risiken einschätzen. An der Leine ist das nicht möglich. Freie Interaktion mit Gleichaltrigen, denen sie gewachsen sind, wie ihren Wurfgeschwistern, ist wichtig für die Entwicklung von Sozialkompetenz gegenüber Artgenossen, die wir von allen Hunden heute mehr denn je erwarten. Der freie Umgang mit welpentoleranten erwachsenen Hunden leistet einen Beitrag zur Erziehung. Sind diese selbst gut erzogen, geben solche „Hunde-Pädagogen“ für die Kleinen das perfekte Vorbild für ein Leben als Hund in der Menschenwelt. Sie passen ihr Verhalten gegenüber den Welpen sehr genau deren Alter und Verhalten an und lehren sie nach Hundeart Respekt und das Einmaleins des Miteinanders.

Ganz wichtig: Es gibt keinen generellen Welpenschutz! Nicht jeder erwachsene Hund ist kompetent im Umgang mit Welpen und die Auswahl muss sorgfältig erfolgen, weil Mobbing- und Aggressionserfahrungen im frühen Alter lebenslange Unverträglichkeit gegenüber Artgenossen provozieren können.

Der Welpe bestimmt das Tempo

All das sollte ein junger Hund machen können, wann und solange er möchte. Ist er müde, dann braucht er diesen Schlaf unbedingt, damit das Gehirn alle eingegangenen Informationen organisieren kann und sich Muskeln und Knochen ausruhen können. Ihn immer wieder über die Müdigkeit hinweg weiter zu animieren hieße, ihn zu überfordern. Für einen achtwöchigen Welpen einer mittelgroßen Rasse kann von folgenden Richtwerten ausgegangen werden:

  • gesamte Aktivitätszeit 6-7 Stunden pro Tag
  • Spielphasenlänge 30-40 Minuten, ein- bis zweimal am Tag auch bis zu einer Stunde
  • Ruhezeiten zwischen den Aktivitätsphasen 1-2 Stunden
  • Nachtruhe 8 Stunden mit zweimaliger „Pipi-Pause“

Die Art der Aktivität muss altersentsprechend sein und kann allmählich gesteigert werden. Dabei ist der Hund, nicht der Mensch Maßstab dessen, was zugemutet werden kann.  Welpen hin und wieder an ihre Belastungsgrenzen zu führen schadet nicht, sie zu überfordern schon. Brauchen sie eine Ruhepause, sollen sie sie auch bekommen. Besondere Achtsamkeit ist hier geboten bei Hunden, denen ein hohes Aktivitätsniveau und Leistungsbereitschaft in die Gene geschrieben wurde. Dazu zählen vor allem Hütehunde und Arbeitsrassen wie Terrier oder Malinois, auch Mischlinge dieser Rassen. Werden sie zu sehr und über die Müdigkeit hinweg zum Toben und Spielen animiert, werden sie leicht zu hyperaktiven Hunden, die nie zur Ruhe kommen.

Junge Hunde brauchen viel ungestörten Schlaf dann, wenn ihnen danach ist (Image by Annett Aagot from Pixabay)

Endgewicht und Belastbarkeit korrelieren

Radtouren, Joggen oder Springspielen und ähnlichen Aktivitäten ist der kleine Hundekörper noch nicht gewachsen. Wann ein junger Hund voll belastet werden kann, ist auchh abhängig vom Endgewicht. Die schweizerische tierärztliche Vereinigung für Verhaltensmedizin und der schweizerische Verband für Tierphysiotherapie, die auch die obigen Empfehlungen geben, gehen davon aus, dass Hunde ausreichend Muskulatur und Kondition entwickelt haben und einschränkungsfrei bewegt werden können, wenn sie

  • bei einem Endgewicht um 15 Kilogramm 5-6 Monate alt sind.
  • bei einem Endgewicht um 30 Kilogramm 7-8 Monate alt sind.
  • bei einem Endgewicht von mehr als 30 Kilogramm 9-10 Monate alt sind.

Wobei dies allgemeine Empfehlungen sind und individuelle Abweichungen berücksichtigt werden müssen. Hunde mit Vorerkrankungen und Entwicklungsverzögerungen können deutlich länger brauchen, bis sie voll belastbar sind.

Dass auch erwachsene Vierbeiner darüber hinaus für den Erhalt ihrer körperlichen und psychischen Gesundheit ausreichend freie, art- und rassegemäße Bewegung brauchen, muss jedem Welpenbesitzer schon vor dem Hundekauf klar sein. Um so wichtiger ist es, dass der Hund von der Rasse her zum eigenen Bewegungsbedürfnis passt. Wer als Marathonläufer mit einem Chow Chow als Sportgefährten liebäugelt, wird keine dauerhafte Freude an ihm haben, und als leidenschaftlicher Couch-Potatoe sollte man sich nicht in einen Wind- oder Hütehund verlieben. Weder Mensch noch Hund werden sich in einer solchen Konstellation dauerhaft wohlfühlen. Es kann nicht genug betont werden, wie wichtig es ist, sich vor dem Kauf entsprechend zu informieren und beraten zu lassen. 

Quellenauswahl:

Schweizerischer Verband für Tierphysiotherapie (SVTPT), Postfach, CH-8162 Steinmaur

Schweizerische Tierärztliche Vereinigung für Verhaltensmedizin https://www.stvv.ch/de/Home

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist ausgebildete Tierheilpraktikerin und Tierpsychologin mit ATN-Abschluss. Sie arbeitet seit über 40 Jahren mit Tieren und behandelt in ihrer Tierheilpraxis erkrankte Pferde, Hunde und Katzen mit Akupunktur, Homöopathie, Phytotherapie und Blutegeln. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Verband der Tierpsychologen und Tiertrainer (VDTT).

Tierberufe Ausbildung bei der ATN Akademie

VDTT – Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer e.V.

 

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