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Heufütterung: Fast oder Slow– was ist besser für Pferde?

Heufütterung: Fast oder Slow– was ist besser für Pferde? Pixabay Heufütterung: Fast oder Slow– was ist besser für Pferde?

Kurzfassung

Die verlangsamte Fütterung von Heu, auch Slow-Feeding genannt, hält Pferde länger beschäftigt, als die Verfütterung der gleichen Menge Heu ohne Fressbremse. Davon profitieren insbesondere diejenigen unter ihnen, die Diät halten müssen. Mit dem richtigen Management beeinflusst Slow-Feeding durch längere Fresszeiten das Verhalten aller Pferde positiv und verringert den Heuverbrauch, auch in Gruppenhaltungen. Zur Auswalhl stehen inzwischen die unterschiedlichsten Netze und Slow-Feeder. Welche Form sich eignet, hängt von der Haltungsform und den Pferden selbst ab. Wichtig sind bei Netzen die richtige Aufhängung und eine geeignete Maschenweite. Slow-Feeder mit gelochten Kunststoffmatten schonen Zähne und Zahnfleisch. Bei der Anbringung von Netzen muss darauf geachtet werden, dass sich Pferde nicht mit den Hufen in den Maschen verhaken können.

Natürlich, aber nicht immer gut für das Pferd: Heuvorlage ohne "Fressbremse" (Foto: Pixabay)

Längere Fresszeiten - mehr Wohlbefinden

Heu satt ist nicht für alle Pferde die richtige Fütterung. Zwar macht es zufriedene Gesichter, aber manche Pferde sehen nach kurzer Zeit aus, als hätten sie einen Großballen Heu quer im Bauch liegen. Heu rationiert wiederum sorgt bei ihnen für Langeweile und Bauchweh, denn am Ende des Futters ist für das Pferd noch viel Tag übrig und der Magen läuft leer. Außerdem ist die Nachricht von der zunehmenden Heuknappheit im Pferdeverhalten noch nicht angekommen. Unsere vierbeinigen Reitkameraden verteilen frei zur Verfügung gestelltes Raufutter auf der Suche nach dem leckersten Halm gerne verschwenderisch in der ganzen Box oder um den Futterplatz herum, wenn man sie daran nicht hindert.

Kurzum: Gesucht wird die eierlegende Wollmilchsau der Pferdefütterung, eine Methode, die die Aufnahme rationierten Futters über eine längere Zeitspanne des Fressens verteilt, die möglichst sparsam mit Futter umgeht, Pferde glücklich macht und gesund erhält und dem Menschen das schöne Gefühl gibt, dem Pferd Gutes zu tun. Es gibt sie, aber sie ist nicht für alle die gleiche, und es gibt - bei allen Vorteilen - auch Nachteile zu bedenken.

Beginnen wir mit dem Positiven. Heu in Behältern oder in und unter Netzen zu füttern verhindert Futterverschwendung. Das schont den Geldbeutel, ist hygienischer und für Pferde definitiv als Enrichment zu werten, als Verbesserung der Lebensqualität, weil sich die Fress- und damit die Beschäftigungszeiten verlängern. Das verbessert ihr Wohlbefinden, vor allem dann, wenn die Haltungsbedingungen sonst mäßig Abwechslung bieten, nachdem das Futter aufgefressen ist. Bei Diätpferden ist das ziemlich schnell der Fall. Sind die Futterstellen in ausreichender Zahl so platziert, dass Futterneider und Pferde weiter unten in der Hierarchie sich nicht in die Quere kommen können, dann trägt es auch in der Gruppenhaltung zur Verminderung von Aggressionen innerhalb der Gruppe bei. Die Pferde sind ausgeglichener, Verletzungen seltener.

Fütterung beeinflusst Verhalten

Eine französische Forschergruppe um Marie Hausberger untersuchte unterschiedliche Fütterungsmethoden (Slow-Feeder und Heunetz) hinsichtlich ihrer Auswirkung auf das Verhalten von Pferden. In ihrer 2018 veröffentlichten Studie konnten sie nachweisen, dass

  • die Art und Weise der Fütterung Verhalten, Wohlbefinden und die Beziehung zwischen Mensch und Pferd beeinflusst.
  • im Zusammenhang mit Slow-Feeding-Maßnahmen stereotypes Verhalten seltener gezeigt wird.
  • die Pferde Menschen gegenüber freundlicher sind.
  • die Aufnahme von Stroh reduziert wird.
  • sogenannte Slow-Feeder bei Pferden weniger Frustration hervorriefen als Netze.

Frustration sollte auch bei der langsamen Fütterung nicht aufkommen, weil sie den Stoffwechsel und das Verhalten negativ beeinflussen kann. Optimal ist es, wenn das Heu zwar Bissen für Bissen, aber nur mit mäßiger Anstrengung herausgezogen werden kann.

Slow-Feeder sind Tonnen, Tröge oder Raufen, bei denen das Heu durch ein gleitendes Gitter, eine Lochplatte oder ein Netz so von oben abgedeckt wird, dass Pferde ihr Heu nur portionsweise herauszupfen können. Ihr Vorteil gegenüber einfachen Heunetzen: Pferde haben hier beim Fressen eine relativ natürliche Fresshaltung.

Lockere Aufhängung und große Maschen können gefährlich werden (Foto: Pixabay)

Vorteile langsamer Fütterung

Die normale Tagesration an Raufutter ist, wenn frei zugänglich, schnell aufgefressen. Dann hat der Magen stundenlang Leerlauf. Zu viele Stunden, denn in den meisten Pferdehaltungen wird nur zweimal täglich Raufutter vorgelegt, das ist im Winter, wenn viele Pferde keinen Weidegang haben, aber auch in zu langen Nachtpausen, vor allem bei Einstreu mit Späne, viel zu selten und kann sie krank machen. Anders als der Mensch, der nur dann Magensäure produziert, wenn er isst, produzieren Pferde kontinuierlich Magensäure. Damit sind sie an ihr natürliches Fressverhalten mit mindestens 16 Stunden Futteraufnahme optimal angepasst. Länger als vier Stunden sollte die Nahrungsaufnahme Pferd deshalb nicht unterbrochen sein, sonst greift die Magensäure die Magenschleimhaut an. Gastritis oder Magengeschwüre können die Folge sein, zumal ohne Kauen kein Speichel produziert wird, der während der Futteraufnahme die Säure puffert. Hinzu kommt Langeweile, die zu Verhaltensproblemen führen kann.

Jeden Tag produziert das Pferd fünf bis zehn Liter Magensaft pro 100 Kilogramm Körpergewicht, je nach Futter. Kommt Stress hinzu, wird es gleich noch einmal etwas mehr. Stressoren sind nicht nur externe Faktoren wie Mobbing, sondern auch Hunger und Schmerz. Der Speichel, der beim Menschen durch enthaltene Enzyme bereits die Verdauung einleitet, enthält beim Pferd stattdessen Bicarbonat zur Pufferung der im Magensaft enthaltenen Salzsäure. Außerdem sorgt er für eine bessere Gleitfähigkeit der Nahrung in der Speiseröhre.

Je länger Pferde fressen, desto besser ist es für sie, zumindest seelisch und körperlich - sofern sie nicht zu dick werden davon (wenn doch, dann ist die Devise: Mehr Arbeit, weniger Kraftfutter, nicht weniger Heu. Aber das ist ein anderes Thema). Das Fressen aus dem Netz (Maschenweite 4 x 4 Zentimeter, 86 min/kg) verdoppelt gegenüber losem Heu am Boden (40 min./kg) die Fresszeit. Bei Slow-Feedern erhöht sich laut einer Studie des Schweizer Nationalgestüts Avenches die Fresszeit zwar ebenfalls deutlich, allerdings aufgrund der besseren Erreichbarkeit des Heus nicht so extrem (Slow-Feeder 1,25 kg/h zu 1,69 kg/Stunde freie Bodenfütterung). Getestet wurden sogenannte Heusparraufen, bei denen das vor der Box am Boden liegende und durch ein Fressgitter erreichbare Heu mit einem gerahmten Netz abgedeckt wurde.

Die Schattenseite entschleunigter Pferdefütterung

Die positiven Aspekte überwiegen. Trotzdem gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen zu bedenken. In der Einzelfütterung werden meistens freihängende Heunetze verwendet. Wenn sie eine natürliche bodennahe Fresshaltung ermöglichen sollen, laufen Pferde in Gefahr, sich daran zu verletzen, weil sie sich in lockeren Haltebändern oder zu weiten Maschen verfangen können. Werden Netze deswegen höher gehängt, fördert das eine unnatürliche Fresshaltung. Die Folge sind Muskelverspannungen und damit Fehlbelastungen in der Halswirbelsäule. Das gilt auch für freischwingend aufgehängte Netze, die zudem noch für erheblichen Frust sorgen können, weil die Pferde das Heu schlecht zu fassen bekommen. Engere Maschen verringern die Gefahr, dass das Pferd sich mit den Hufen in ihnen verfangen kann. Bei beschlagenen Pferden ist es dennoch nicht ausgeschlossen, weil sie sich bei bodennaher Aufhängung mit den Schenkeln der Eisen noch immer darin verhaken können.

Bei Futteraufnahme in natürlicher Haltung (Bodenfütterung) hat der Pferdenacken einen Winkel von 15 Grad unterhalb Widerristhöhe (+/- 3 Grad), gleiches gilt für in Bodennähe aufgehängte Heunetze. Werden sie dagegen hoch aufgehängt (Unterkante auf Brustbeinhöhe) beträgt der Winkel 15 +/- 3 Grad oberhalb Widerristhöhe. Das war das Ergebnis der biometrischen Studie eines italienischen Teams um Friderika Raspa (2021). Die unphysiologische Haltung kann zu Muskelverspannungen und Schäden der Halswirbelsäule führen.

Besser, als eine Einpunkt-Aufhängung, ist eine Zweipunkt-Befestigung oder aber direkt an der Wand angebrachte, flächige, engmaschige Heunetze. Eine natürliche Körperhaltung ergibt sich daraus allerdings nicht. Als Darreichungsform für die gesamte Heufütterung ist es darum weniger geeignet. Nervöse und ungeduldige Pferde können bei der Heunetzfütterung außerdem dazu verleitet werden, mit den Vorderbeinen gegen die Boxenwand zu schlagen, was weder dem Bein, noch dem Huf besonders gut tut. Und selbst wenn die Maschendichte relativ eng gewählt wird, können sich die Schenkel von Hufeisen - wie gesagt - noch immer darin verfangen.

Falsche Aufhängung: Vor allem verspielte Jungtiere können sich in so einer Aufhängung verfangen (Foto: Patricia Lösche)

Junge und alte Pferde brauchen besondere Aufmerksamkeit

Bei Jungpferden und alten Pferden können sich die Bänder des Heunetzes in lockeren Zähnen verfangen und sie vor der Zeit ziehen. Bei Jungpferden kann das dauerhafte Schäden am bleibenden Gebiss zur Folge haben. Um das zu vermeiden ist es besser, vor Abschluss des Zahnwechsels (mit ca. 5 Jahren) Alternativen zu Slow-Feedern aus Bandmaterial zu verwenden, um die Zähne zu schützen. Gleiches gilt für ältere Pferde, auch sie können zu früh Zähne verlieren und Probleme mit der Futteraufnahme bekommen. Am zahnfreundlichsten sind gelochte Kunststoffmatten, die allerdings weniger gebräuchlich sind.

Fazit: Einfach Heunetze bummelig aufhängen, damit das Portemonnaie entlastet, Lotte nicht zu dick wird und Best Boy länger beschäftigt ist, ist nur die zweitbeste Idee. Besser ist es, angepasst an die Haltungsform, das allgemeine Management, an Alter und Temperament der Pferde zu schauen, welche Lösung in Frage kommt. Dabei schließen sich manche von vornherein aus: Heunetze aus zu dünnen Bändern und mit zu großen Maschen ebenso wie Metallgitter, falsche Futtertonnen und zu enge Maschen. Empfehlenswert sind Slow-Feeder, bei denen das Heu am Boden bleibt, also von oben zugänglich ist. Sie ermöglichen die natürlichste Fresshaltung. Inzwischen werden so viele verschiedene Versionen angeboten, dass für jedes Pferd und jede Haltung das Passende gefunden werden kann. Oder auch für Esel, denn für sie gilt prinzipiell das gleiche.

Quellenauswahl:

M. Hausberger et al.: “Hay-bags” and “Slow feeders”: Testing their impact on horse behaviour and welfare (Applied Animal Behaviour Science, Ausgabe 198, Jan. 2018, S. 52-59)

M.H. Zeitler-Feicht, S.Walker: Zum Einsatz eines speziellen Heunetzes in der Pferdefütterung aus ethologischer Sicht (Pferdeheilkunde 21, Mai/Juni 2005, S. 229-233)

Wyss et all: Slow-feeding-Systeme für Pferde: Test einer Sparraufe (Agrarforschung Schweiz 7 (5): 246–251, 2016)

Friderika Raspa et al.: Studying the Shape Variations of the Back, the Neck, and the Mandibular Angle of Horses Depending on Specific Feeding Postures Using Geometric Morphometrics (Animals, March 2021, Ausgabe 11(3):763ff)

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist ausgebildete Tierheilpraktikerin und Tierpsychologin mit ATN-Abschluss. Sie arbeitet seit über 40 Jahren mit Tieren und behandelt in ihrer Tierheilpraxis erkrankte Pferde, Hunde und Katzen mit Akupunktur, Homöopathie, Phytotherapie und Blutegeln. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Verband der Tierpsychologen und Tiertrainer (VDTT).

Tierberufe Ausbildung bei der ATN Akademie

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