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Amygdala - Die VDTT Online-Zeitung

Neues und Interessantes aus der Welt der Tiere

Nachruf: Tschüß, Christine Holst

Dieses Buch war ihr ganzer Stolz und Lebenswerk Judith Böhnke Dieses Buch war ihr ganzer Stolz und Lebenswerk

Sie war eine „Tier-Versteherin“ mit jeder Faser ihres Seins, abonniert auf Hunde und Pferde, die ihre Menschen vor die schwierigeren Herausforderungen im Zusammenleben stellen. Am Ostersamstag ist unser Mitglied Christine Holst im Alter von 61 Jahren infolge einer langen Krankheit gestorben. Wir trauern um eine Trainerin, der Tier und Mensch immer gleichermaßen am Herzen lagen.

Von klein auf teilte Christine Holst ihr Leben mit Tieren, und eigentlich hatte sie vor, Tierärztin zu werden. Doch wie das Leben manchmal so spielt, landete sie einst erst einmal als Diplom-Betriebswirtin in den Marketing-Etagen diverser großer Firmen, ehe sie dem Weg ihres Herzens folgte und auch beruflich zur Arbeit mit Tier und Mensch fand.

Sie lernte Transaktionsaktionsanalyse nach Eric Berne und beschäftigte sich mit traditioneller chinesischer Medizin, Kinesiologie und systemischen Coaching. Und schließlich komplettierte sie ihr Wissensportfolio mit einem ATN-Studium der Tierpsychologie, absolvierte Fortbildungen bei Günther Bloch, Jan Nijboer und Udo Gansloßer und wurde VDTT-Mitglied der ersten Stunde, als sie 2005 unseren Verband als eines der Gründungsmitglieder aus der Taufe hob.

Viele haben Christine persönlich kennengelernt – als Tierpsychologin in ihrer Sievershüttener Praxis Canis Major bei Hamburg, als aktive Seminar-Organisatorin, Buchautorin. Ihr 2017 erschienener Anamnese-Leitfaden „Warum tut der Hund, was er tut?“ ist nun zu ihrem Lebenswerk geworden – darin bündelte Christine alles Kopf- und Herz-Wissen, das sie auf ihrer Lebensreise in Begleitung unzähliger Hunde und Menschen zusammentragen konnte. Sie lernte von jedem, sie lernte von jedem gern, und sie lernte vor allem mit Zuneigung und Liebe. Ganz gleich, ob der, von dem sie lernte, zwei oder vier Beine, einen großen Namen oder einen Namen ohne Nachnamen hatte.

Wir werden Christine als einen Menschen in Erinnerung behalten, den man für immer vermisst. Warmherzig und engagiert, unbequem, streitbar und klug, einfühlsam, scharfsinnig, rau, zart und zärtlich.

Dieses Interview gab Sie 2017 anlässlich Ihrer Buchvorstellung und wir möchten es ihr zu Ehren noch einmal veröffentlichen.

Warum tut der Hund, was er tut, Frau Holst?

Wem der Titel ins Auge springt, der hat als nächstes zumeist nur einen Gedanken: „Das habe ich mich auch schon immer gefragt!“ Schülern und Absolventen der ATN fällt hingegen so einiges ein. Wissen sie doch, dass ein Hund gut und gerne mehr als X Gründe haben kann, sich „zu verhalten“ – in welcher Weise auch immer. Wie man diesen Gründen auf die Spur kommt, hat die ATN-Tierpsychologin Christine Holst in ihrem Buch bis ins kleinste Detail ausgelotet. Herausgekommen ist ein Anamneseleitfaden, der zwar keine Antwort auf die Frage liefert, warum der Hund als solcher tut, was er tut. Wer sich jedoch schon immer gefragt hat, warum ein ganz bestimmter Hund tut, was er tut, bekommt mit dem Werk ein Buch an die Hand, mit dessen Hilfe er genau das herausfinden kann.

Frau Holst, worum geht es in Ihrem Buch?

Christine Holst: Antworten für „auffälliges“ oder „problematisches“ Hundeverhalten ergeben sich nicht mal einfach so. Um das Warum für ein bestimmtes Verhalten zu verstehen, braucht es einen ganzheitlichen Blick und ein tiefgreifendes Verständnis für die Individualität von Menschen und ihren Hunden. Das Entschlüsseln von „Problem“-Verhalten bedingt einerseits umfassendes Fachwissen und das Erkennen kausaler Zusammenhänge. Andererseits ist ein ganzheitliches Kommunikationsverständnis nebst Akzeptanz und Empathie gegenüber dem Hundehalter erforderlich – es geht nie einzig und allein um den Hund, der Weg zum Hund führt immer über den Menschen. Wer Verhalten entschlüsseln will, braucht selbstredend auch die Bereitschaft, jeden Fall neu zu betrachten. Nicht zu vergessen, ein gutes Gespür und Vertrauen in die eigene Intuition. Für diese Komplexität sensibilisiert mein Buch. Kurzum, es geht um das Fundament, um maßgeschneiderte und nachhaltige Trainings- oder Therapiekonzepte entwickeln zu können. Patentrezepte, um ein „Problem“ aus der Welt zu schaffen, werden Sie allerdings in diesem Buch vergeblich suchen. Auch wenn sich viele solche Rezepte wünschen.

Was ist falsch an „Rezepten“

Christine Holst: Grundsätzlich nichts. Nur: Wunsch und Wirklichkeit passen nicht immer zusammen. Rückschlüsse, die in eine fundierte Lösungsstrategie münden, bedingen als ersten Schritt die Ursachenforschung. Die wird nur allzu oft ausgelassen, weil viele glauben, mit der „richtigen“ Standardmethode im Gepäck den Erfolg garantieren zu können. Können sie aber nicht. Standards schließen Individualität aus. Deshalb ist mein Weg ein anderer. Er geht über die Analyse und das genaue, interpretationsfreie Beobachten. Und zwar nicht nur das des Hundes, sondern eben auch das des oder der zum Hund gehörenden Menschen. Jeder Mensch gestaltet und prägt für seinen Hund eine eigene ökologische Nische, in der sich der Hund zurechtfinden und an die er sich anpassen muss. Das sollte jedem Halter bewusst sein. Ebenso, dass sich Hunde in ihren Anpassungsleistungen unterscheiden, ganz eigene Stärken und Schwächen haben, eine eigene Persönlichkeit – genau wie wir Menschen.

Um ein vermeintliches „Problem“ aus der Welt zu schaffen – wenn man das am Ende allen Beobachtens und Analysierens überhaupt noch als erforderlich ansieht – muss ich den Halter sehend machen.Ihn befähigen, das eigene Verhalten und Handeln zu reflektieren und zu verstehen, warum es mit dem Verhalten des Hundes korreliert. Erst dieses Verständnis und die Bereitschaft des Menschen, einen Veränderungsprozess einzuleiten, machen ein Training sinnvoll. Falls, wie gesagt, am Ende überhaupt noch nötig.

Kommunikation nimmt einen maßgeblichen Teil in Ihrem Buch ein – warum?

Christine Holst: Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens: Ich muss den Menschen erreichen, wenn ich beim Hund etwas verändern will. Hundetraining ist immer auch Menschentraining. Zweitens: Gut zu kommunizieren – so, dass Austausch, Begegnung und Verstehen möglich sind - ist eines der schwierigsten Dinge überhaupt. In der Kommunikation mit anderen begegnet man immer auch sich selbst. Nicht nur in dem, was man sagt, sondern auch in dem, wie man etwas sagt. Oft vermitteln wir unbewusst mit unseren gesamten Ausdrucksmöglichkeiten, sozusagen zwischen den Zeilen, ungewollte Botschaften. Drittens: Es ist ungeheuer wichtig, als Trainer oder Verhaltensberater anzuerkennen und wertzuschätzen, dass ein Hundehalter immer sein Bestes gibt. Auch wenn ich als Trainer glaube, etwas besser zu wissen, habe ich nicht das Recht, einen Hundehalter für sein Tun zu verurteilen oder ihm „die Schuld an einer Misere“ zuzuweisen. Das passiert sehr schnell, oft ohne dass es der Trainer überhaupt merkt. Ich selbst bin diesbezüglich froh, einst eine Ausbildung in der Transaktionsanalyse nach Eric Berne absolviert zu haben. Ich glaube, dass sowohl ich als auch meine Kunden bis heute sehr davon profitieren.

Was macht die Transaktionsanalyse aus Ihrer Sicht so wertvoll in der Arbeit mit Mensch und Tier?

Christine Holst: Sie hilft bei der Arbeit an der eigenen Grundeinstellung. Es ist nicht leicht, etwas wertzuschätzen, das man aus ethischen Gründen selbst vielleicht niemals tun würde. Wertschätzung ist aber nicht gleichbedeutend mit „gutheißen“ oder „legitimieren“. Es setzt am Individuum an: Ich bin ok, du bist ok. Wenn nur einer von uns beiden als ok betrachtet wird, kann keine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden. Und dann kann auch keine Unterstützung fließen. Die Art der Transaktion – der Standortbestimmung des Selbst sozusagen – ermöglicht es, eine neutrale Perspektive auf einer sachlichen Ebene einzunehmen. Frei von Be- und Verurteilungen, wie oder was jemand ist, wenn er dieses oder jenes getan oder nicht getan hat.

Was hat es mit dem Anamnesebaum auf sich?

Christine Holst: Ich habe lange überlegt, wie ich die Vielschichtigkeit aller Einflussfaktoren und all ihre Verbindungen, die Verhalten ausmachen, visualisieren kann. Relativ schnell hatte ich das Bild eines Baumes vor Augen. Wir haben den Hund als Stamm mit seinen Wurzeln, Ästen und Blättern, die seine Entwicklung geformt haben, immer noch formen. Sind die Umweltbedingungen ideal, wird aus dem einst zarten Pflänzchen ein gesunder Baum. Ist dem nicht so, zeigt mir sein Wuchs und Erscheinungsbild das Warum der Andersartigkeit. Mit dieser Analogie dient mein Anamnesebaum nicht nur als Leitfaden zur Fallanalyse, sondern vermittelt gleichzeitig umfassendes biologisches und verhaltensbiologisches Fachwissen. Wie ich finde, ein tolles Bild, um den Prozess in der Anamnese zur Frage „warum tut dieserHund, was er tut?“, zu verdeutlichen.

Ihr Buch ist kein Trainingsbuch – warum nicht?

Christine Holst: Weil mir die ganzheitliche Anamnese, die auch den Menschen einbezieht, ein Herzensthema ist. Ist für die Fallbeschreibung eine Begründung gefunden und Diagnose gestellt, ergibt sich die „Methode“ meist ganz von selbst. Sozusagen als i-Tüpfelchen, maßgeschneidert und von Nachhaltigkeit geprägt. Zum Wohl des Mensch-Hund-Teams. Es gibt so viele Bücher übers Training, dass man denken könnte, das Leben mit Hund drehe sich nur um die eine, alleinseligmachende Methode. Dabei führen bekanntlich viele Wege nach Rom und wenn man einen bestimmten Weg nicht gehen will, muss man nicht. Kennt man die Ursachen, tun sich viele Wege auf und man kann sich den aussuchen, der den individuellen Persönlichkeiten gerecht wird und liegt.

Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Christine Holst: Für jeden, den es interessiert. Für jeden, der sich schon einmal gefragt hat, warum (s)ein Hund tut, was er tut.Und konkret für Trainer, Verhaltensberater und Verhaltenstherapeuten zur Aus- und Weiterbildung. Grundsätzlich jedoch für alle Berufsgruppen, die mit Hunden zu tun haben, wie für interessierte Halter zur Wissensanreicherung.

Was hoffen Sie, dass Ihr Buch bei den Lesern bewirkt?

Christine Holst: Ich wünsche mir ein Umdenken, das Anerkennen der Tatsache, dass man Mensch und Hund nicht trennen und nicht getrennt behandeln kann. Das beide einzigartige Individuen sind und Schubladendenken ihnen nicht gerecht wird. Auch wenn man mit viel Erfahrung zu wissen glaubt, wie der Hase läuft, Hasen schlagen Haken. Deshalb reicht einmal gucken nicht, wir müssen immer und immer wieder hinsehen und bei jedem Mensch-Hund-Team auch immer wieder aufs Neue. Das ist sicherlich zeitaufwendig und manchmal mühsam. Passt vielleicht auch nicht in unsere heutige, schnelllebige Zeit. Die Zielgerade liegt aber immer erst am Ende allen Forschens. Wenn wir also losrennen, ohne uns zu orientieren, ohne Standortbestimmung und ohne zu schauen, wo das, was jetzt ist, herkam, verorten wir die Zielgerade leicht dort, wo sie gar nicht ist. Kein Wunder, dass wir dann in die Irre laufen. Diesen Umweg, der oft mit viel Leid verbunden ist, würde ich gerne ersparen helfen. Auch wünsche ich mir, dass der „Methoden- und Beschäftigungswahn“ ein Ende findet und sich ein Gefühl für Nachhaltigkeit und „normales“ Hundeverhalten entwickelt. Hunde möchten auch einfach mal nur den ganzen Tag „gucken“ dürfen, wie mein Vorwort-Schreiber Günther Bloch so treffend sagt.

Letzte Frage: Worauf beruht eine gute Anamnese?

Christine Holst: Sie beruht auf drei Säulen. Die erste ist die ganzheitliche Kommunikation. Die zweite ist das Ergründen der Ursachen. Und die dritte ist die Überprüfung der Diagnose. Das ist noch so ein Punkt, der gern ausgelassen wird. Doch erst diese dritte Säule macht eine Anamnese wirklich komplett und belastbar. Erst mit der Überprüfung schließt sich der Kreis – wenn ich sichergestellt habe, dass das, was ich beobachtet, analysiert und abgeleitet habe, meiner eigenen Infragestellung standhält. Wie das geht, behandle ich auch in meinem Buch.

Komm gut auf die andere Seite, Christine. Wir wissen, Du würdest sagen, wir sehen uns. Und wenn Du das sagst, kommt es so.

Das Interview führte unser Vorstandsmitglied Judith Böhnke

Judith Böhnke

Judith Böhnke, ist ATN-Absolventin mit Spezialisierung auf Hund und Katze sowie VDTT-Vorstandsmitglied und Mitarbeiterin der ATN. Besonders wichtig ist ihr ein achtsamer, gewaltfreier Umgang sowohl mit den Tieren als auch den Tierhaltern. In ihrer Arbeit folgt Judith Böhnke dem Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, welches sie auch auf die Mensch-Tier-Beziehung anwendet. Im Kosmos-Verlag ist 2013 ihr Buch "Mit Hunden gewaltfrei kommunizieren" erschienen, 2014 folgte ebenfalls bei Kosmos "Cocker Spaniel - Auswahl, Haltung, Erziehung, Beschäftigung".

Webseite: www.mensch-tier-akademie.de
Tierberufe Ausbildung bei der ATN Akademie

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