Berufsverband der Tierverhaltensberater und -trainer e.V. Kontakt Login Mitglied werden

Amygdala - Die VDTT Online-Zeitung

Neues und Interessantes aus der Welt der Tiere

VdTT-Fortbildung zu Stereotypien bei Tieren

VdTT-Fortbildung zu Stereotypien bei Tieren: Spannender Vortrag von Referentin  Dr. Ute Blaschke-Berthold Patricia Lösche VdTT-Fortbildung zu Stereotypien bei Tieren: Spannender Vortrag von Referentin Dr. Ute Blaschke-Berthold

Alle zwei Jahre bietet der VdTT Verbandsmitgliedern und anderen Interessierten die Möglichkeit, sich im Rahmen einer Präsenz-Veranstaltung zu Themen rund um Tiertraining und Tiertherapie weiterzubilden. In diesem Jahr ging es bei den VdTT-Tagen in Bad Bramstedt um stereotype Verhaltensmuster bei Tieren. Wie kommt es dazu? Wie kann man diesen Tieren helfen? Kann man ihnen überhaupt helfen?  Referentin war die bekannte Verhaltensbiologin und Hundetrainerin Dr. Ute Blaschke-Berthold.

Stereotypes Verhalten ist  ausschießlich bei Haustieren und Wildtieren in Gefangenschaft zu beobachten. Wieder und wieder wird dabei ein Verhaltensmuster gezeigt, das mit der Situation in keinem Zusammenhang zu stehen scheint. Oft wird es zum Gegenstand allgemeiner Belustigung, wenn Tierhalter Videos ihrer „Funny Animals“ oder „Lustigen Tiere zum Totlachen“ in den Social Media hochladen, die millionenfach geliked und geteilt werden. 

Stress als häufiger Auslöser

Aber stereotypes Verhalten ist alles andere als fröhliches Entertainment. Auch ein Mensch mit Waschzwang will damit ja nicht die Umwelt erheitern. Werden Hunde zu Schattenjägern, Sterneguckern oder Schwanzbeißern, beschäftigen sie sich stundenlang mit Eigenstimulation in Form von Trancing, beginnen Pferde zu koppen oder entwickeln Katzen Putzzwang, dann ist der Auslöser manchmal eine unbeabsichtigte Konditionierung durch den Menschen, das Verhalten also antrainiert und  zu verstehen als „eine Form des aufmerksamkeitsfordernden Verhaltens“, so Blaschke-Berthold. Meist sind jedoch Faktoren wie Angst und psychische Not, reizarme Haltung, beengte Behausungen oder falscher Umgang ursächlich dafür verantwortlich. Oder es tritt auf als Folgereaktion auf durchlebte Erkrankungen, in deren Verlauf das Tier gelernt hat, sich dadurch Linderung zu verschaffen. Kurz: Stress, ganz gleich welcher Art, ist ein wesentlicher Baustein bei der Entstehung von Stereotypien.

Trainer und Therapeuten waren begeistert von der diesjährigen Fortbildung des VdTT.             (Foto: Lösche)

Umgangssprachlich spricht man von Zwangsstörung - ein unschönes Wort, das nichts Gutes verheißt. Der Arbeitsbegriff „Abnormal repetitives Verhalten“ (ARV) klingt komplizierter, aber auch nicht schöner. Wer möchte schon gerne hören, das eigene Haustier leide unter Zwängen, sei gestört oder abnormal. „Abnormal ist keine Wertung, sondern heißt lediglich: nicht dem Durchschnitt entsprechend“, betont die Referentin. Eindeutig geklärt sei die Funktion des Verhaltens noch nicht, aber es bestehe ein Zusammenhang mit Angst, Frustration und Konfliktsituationen.

Die Wiederholung der Bewegungen reduziert den Stress, weil das Belohnungszentrum dadurch angesprochen wird. Damit scheint das Verhalten eine Strategie zu sein gegen Lebensumstände, die die Anpassungsfähigkeit des Individuums überfordern. "Wobei nicht jedes stereotyp gezeigte Verhalten eine behandlungswürdige Störung ist. Sofern es in einem natürlichen Kontext steht - beispielsweise als eine ritualisiert gezeigte Sequenz aus dem natürlichen Jagdverhalten in Erwartung der Fütterung - sollte es nicht unterbunden werden.“

Zwangsstörungen möglichst früh erkennen

Anders sieht es aus bei echtem zwanghaftem Verhalten, das in keinem Zusammenhang mit der aktuellen Situation steht. Ist ein ARV erst einmal fest etabliert, lässt es sich nur schwer in den Griff bekommen, weil das Belohnungszentrum im Gehirn nach Wiederholungen verlangt. Das macht die ARV-Behandlung zu einer großen Herausforderung, die feinfühlige, gut geschulte Verhaltenstherapeuten und Trainer braucht.

Die gezeigten Verhaltensmuster entstammen fast immer dem arttypischen Normalverhalten, vor allem dem Jagen, der Nahrungsaufnahme und der Körperpflege. Ute Blaschke-Berthold:„Die genaue Analyse, um welchen Teil innerhalb dieser Funktionskreise es dabei geht, liefert wichtige Hinweise darauf, wie das Tier durch Aufzeigen von Alternativen eventuell aus diesem Kreislauf herausgeführt werden kann.“ Je früher interveniert wird, desto wahrscheinlicher ist eine Rückkehr zur Normalität. Doch selbst eine Reduzierung des Verhaltens ist schon ein Erfolg, weil die oft stundenlange Ausführung einer Bewegung gesundheitliche Schäden nach sich ziehen kann. „Außerdem fehlt die damit verbrachte Zeit dem Tier für andere, sinnvollere Beschäftigungen“, betont Blaschke-Berthold.

VdTT-Fortbildung: Es hat sich gelohnt

Am Ende der Veranstaltung sind die Gesichter der Zuhörer etwas müde, aber sehr zufrieden. Stellvertretend für alle anderen steht das Resümee  von Teilnehmerin Astrid Hornig-Kühnel: „Was für ein tolles Seminar. Frau Blaschke-Berthold konnte die Problematik in allen Facetten verständlich, gut nachvollziehbar und konzeptionell logisch aufgebaut vermitteln. Durch die interaktiven Einheiten und Fallanalysen war es sehr praxisorientiert und niemals langweilig. Es hat sich definitiv gelohnt.“ Und die Begegnung mit Kollegen war eine gute Gelegenheit zum fachlichen Austausch.

Patricia Lösche

Der VDTT wurde 2005 durch Absolventen der ATN, der Akademie für Tiernaturheilkunde, gegründet. Die damaligen Gründungsmitglieder gehörten noch zu den Pionieren der angewandten Verhaltenskunde.

Mehr in dieser Kategorie: « Vor die Wahl gestellt: Tutor des Jahres
Tierberufe Ausbildung bei der ATN Akademie

VDTT – Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer e.V.

 

office(@)vdtt.org