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Amygdala - Die VDTT Online-Zeitung

Neues und Interessantes aus der Welt der Tiere

Vererbte Rudelstellungen – Schein oder Sein?

Das Thema Rudelstellung wird derzeit kontrovers diskutiert und führt bei Hundebesitzerin zu Verwirrung. Zu Recht stellt sich die Frage: sind Probleme in der Hundeerziehung wirklich so trivial lösbar?

Vererbte Rudelstellung bei Tieren

Im November 2013 besuchte eine Hundehalterin mit ihren drei Vierbeinern ein Aufbau-Seminar der bekannten Hundetrainerin Maike Maja Nowak. Doch statt Training und Erziehungshilfe bekam sie eine völlig andere Botschaft präsentiert. Die lautete: Doppelbesatz und einer ihrer Hunde müsse weg. Sowie der kleine, dritte Hund sei V3 oder auch V2. Sie verstehen gerade nur Bahnhof? Es geht um das Thema Rudelstellung, einem Konzept, das lediglich Theorien aufstellt und auf keiner wissenschaftlichen Basis fundiert. Aber um was genau geht es dabei eigentlich?

Das Konzept der vererbten Rudelstellung

Gärtnermeister und Eurasier-Züchter Karl Werner soll das Konzept im letzten Jahrhundert propagiert haben. Laut seiner Original-Aussage besteht ein perfekt „strukturiertes" Hunderudel immer aus sieben Tieren mit unterschiedlichen Stellungen. Diese Stellung ist genetisch fixiert, und der Hund wird mit ihr geboren. Dies ist wichtig! Denn nun geht es darum, dass die Geburtsstellung ausschlaggebend dafür ist, welche Rolle er im „strukturierten" Rudel, sei es als Eck- oder Bindehund, innehat. Jeder Hund weiß um seine Position und damit auch, welche Aufgaben ihm obliegen. Diese sind in verschiedene Kategorien eingeteilt. Wer beispielsweise die höchste Sozialkompetenz hat oder ein Wächter ist. Dabei legt die Rudelstellung nicht nur automatisch die Aufgaben fest, die der jeweilige Vierbeiner übernimmt, sondern trifft zudem Aussagen über sein Verhalten. Angeblich soll Karl Werner diese Lehre vor 40 Jahren nur einem einzigen Menschen, nämlich Barbara Ertel, weitervermittelt haben. Das „Wissen" um die „vererbte Rudelstellung" (vRS) obliegt ihr alleine und nur sie kann Hunde und Wölfe – für diese gilt vRS gleichsam - in deren Stellung einschätzen. Auf dieses Urheberrecht besteht sie bis zum heutigen Tag. So ist sie Gründerin des vRS-Vereins und betreibt eine Internetseite, auf der sie fragwürdige Thesen zur Geburtsstellung und deren Konsequenzen aufzeigt. Die Einschätzungen finden auf kostspieligen Workshops statt und sind für die Anhänger ein Muss. Die bekannte Hundetrainerin Maike Maja Nowak hat sich der „wissenden Lehrmeisterin" angeschlossen und propagiert trotz aktueller Distanz zu ihr, die Theorie weiter. Vor allem aber hat sie mit ihrer Sendung im ZDF einen förmlichen RS-Hype ausgelöst und entsprechend für gehörige Furore gesorgt.

(Anmerkung VDTT: Frau Nowak hat sich mittlerweile von der Theorie distanziert - Webseite Nowak)

Eine These über Fehlverhalten

Und nun kommen wir zu dem eigentlichen Problem, denn laut der Befürworterinnen spielen beispielsweise weder Zuchtselektion, Epigenetik, Umwelteinflüsse oder Lernerfahrungen eine Rolle. Die hohe Anpassungsfähigkeit der Hunde an uns Menschen durch Jahrtausende der Domestikation wird lapidar mit einem „Reparaturmechanismus" und mit „Ablenkungsmanövern" ad absurdum geführt. Hunde als soziale Begleiter und oder Helfer suggerieren ihren Menschen nur, dass alles in Ordnung sei. In Wahrheit aber würden diese Hunde innerlich zerstört und leiden. Die Folgen seien Krankheiten und Fehlverhalten. Noch abstruser klingen die Erklärungen, wenn es um die Früherkennung der Rudelstellung bei Welpen geht. Dabei sollen nur Würfe aus einem perfekten Wurf mit sieben Welpen und der entsprechenden Stellung vom ersten Tag ihres Lebens bestehen. Sie sollen im Abgabealter deutlich souveräner, gefestigter, weniger stressanfällig und körperlich stabiler sein. Vor allem aber hätten sie die Fähigkeit, sich selbst zu korrigieren und verfügen über eine innere Grunddisziplin und professionalisiertes Gemeinschaftsgefüge. Selbstredend vorausgesetzt, der Mensch erkennt die Stellung seines Hundes und bringt sie nicht durch Fehlverhalten durcheinander. Würfe der Kategorie 2 seien noch brauchbar; Kategorie 3 jedoch laut der vRS-Lehre völlig inakzeptabel. Gekennzeichnet sind sie durch Doppel- oder Fehlbesatz. Diese Welpen haben keine Chance zur Entwicklung ihrer Gemeinschafts-, Kommunikations- und Selbstkorrekturfähigkeiten. Angeblich sei diese schon an der Schlafposition des kleinen Hundes erkennbar. Und es geht noch weiter: stellungsstarke Hundemütter würden etwaige Fehlstellungen vernichten. Ist die Mama stellungsschwach, muss der Züchter eingreifen, will er Welpen ein Loser-Leben ersparen.

Trennung und Entschleunigung als Lösung

Dem normalen Halter soll diese These implizieren, dass stellungsstarke Hunde intelligenter und leichter führbar sind. Laut besagter Internetseite „wünschen diese Hunde keine Probleme und verursachen auch keine. Dazu muss sich der Mensch aber davon verabschieden, dass er dem Hund irgendetwas beibringen kann. Der Hund bringt zuerst dem Menschen sein Wissen bei. Lässt er sich darauf ein, lernt der Mensch vom Hund und hat so den Schlüssel in der Hand, auch seine Forderungen dem Hund begreiflich zu machen. Dabei muss der Mensch in seiner Persönlichkeit die gleiche hohe Festigung für sich selber besitzen, wie der Hund durch seine Stellung innerlich gefestigt ist." Da fast alle zur Einschätzung vorgestellten Hunde zuvor nie nach ihrer angeborenen Stellung leben durften, sind sie entsprechend mit Problemen behaftet und ihre innerliche Zerstörung mehr oder weniger weit fortgeschritten. Hier kann der „Heilungsprozess" schon mal dauern; dies heißt, Geduld ist gefordert. Im schlimmsten Fall ist dem Hund nicht mehr zu helfen. Die Lösung heißt hier: er muss weg. Wie der vierbeinige Doppelbesatz. Also Hunde, die beispielsweise im häuslichen „Rudel" die gleiche Position innehaben.

Selbiges gilt für den Fehlbesatz. Bei dieser „Diagnose" kann man tauschen oder noch einen Hund oder am besten gleich mehrere dazu nehmen. Idealerweise stellt man sich ein Teilrudel zusammen.

Dazu hat der vRS-Verein Tauschbörsen ins Leben gerufen, die bei den Rudlern, den Anhängern der Rudelstellung, großen Anklang finden. Am Tag der Wahrheit, dem Workshop, geht es dann so richtig zur Sache. Er endet nicht nur mit der Namensänderung des Hundes in VLH, V2.V3, MBH, N2, N3 oder NLH, sondern mit der kompletten Lebensumstellung. Besagte Tiere müssen teils sofort getrennt und alle grundsätzlich „entschleunigt" werden. Wer vorher mit seinen Hunden Gassi gegangen ist, sie mit artgerechter Beschäftigung ausgelastet oder einfach nur Hobbysport betrieben hat, Toben und Spielen zum Alltag gehörten; all dies ist nun tabu. Denn Hunde wie auch Wölfe spielen nicht. Hunde in einem „perfekt strukturierten" Rudel arbeiten oder ruhen sich aus. Den Menschen brauchen sie im Idealfall nicht. Sieht der Mensch dies anders, so ist er ein Egoist und versteht die Bedürfnisse seines Tieres nicht. Sprechen dürfen die Hundehalter nur mit Eckhunden und zwar in ganzen Sätzen. Diese wiederum verstehen den ganzen Inhalt und kommunizieren dann mit dem restlichen Rudel und fungieren sozusagen als Dolmetscher. Einzelhundehalter oder die mit zwei Vierbeinern dürfen ausnahmsweise mal Gassi gehen. Müssen aber drauf achten, keinem „unpassenden" Hund zu begegnen. Zur „Entschleunigung" zählt auch, den / die Hunde von allen äußeren Reizen fernzuhalten und möglichst zu isolieren. Ein Hinterfragen der Maßnahmen ist unerwünscht. Verweigerer sind Tierquäler.

Keine Konsequenzen?

Ob die RS-Lehre der Wissenschaft standhält, ist dem vRS-Verein im Grunde egal, denn sie lasse sich nicht wissenschaftlich oder theoretisch erklären. Dafür aber praktisch erleben. Und so beruft man sich auf die Erlebnisse der Anhänger und dem „Wissen" der Vorsitzenden. Protest gab es in der Vergangenheit reichlich. So wurden beim ZDF über 15.000 Unterschriften eingereicht mit dem Begehren, die Sendung von Maike Maja Nowak sofort abzusetzen. Doch der Sender reagierte nicht.

Obwohl Maike Maja Nowaks Arbeitsweise und Umgang selbst von Experten als eher tierschutzwidrig bezeichnet wurde, folgte Staffel 2 und dann die Wiederholungen auf ZDF Neo. Selbst die Erklärungen, warum die Rudelstellungen für Maja Nowak so wichtig sind: „In der Arbeit unserer Hundeflüsterin Maja Nowak spielen Rudelstellungen eine zentrale Rolle. Jeder Hund kommt mit ganz speziellen Fähigkeiten auf die Welt: Leithund, Kundschafter und Wächter. Woher stammt diese Einteilung und was sagen die Stellungen über den Charakter eines Hundes aus?......".  Die ausführliche vRS Beschreibung mit der Abbildung der „Siebener Formation" ist bis zum heutigen Tag im Internet beim ZDF nachzulesen. Hier wird bewusst eine „Tatsache" suggeriert. Für alle Welt sichtbar, propagiert das ZDF die vererbte Rudelstellungslehre als „wissenschaftliche Wahrheit". Die Ausrede des Senders hierzu ist, sie haben das entsprechende Tool schon vor vielen Monaten von ihrer Seite genommen, „aber das Internet vergisst – wie wir wissen – leider nichts". Ohne Worte!

Das sagen die Experten ...

Bereits Anfang 2014 nahmen Experten wie PD Dr. Udo Gansloßer, Dr. Adam Miklosi oder Günther Bloch sich der Thematik an. Zumal immer mehr Hundetrainer und Hundehalter in diesen Bann gezogen wurden. Insbesondere die große Medienpräsenz der Maike Maja Nowak und ihre so tolle Geschichte über ihr „Zusammenleben" mit den Hunden in Russland, ließ viele wenigstens den „Kern" glauben.

PD Dr. Udo Gansloßers damaliger Kommentar nach Durchsicht des Buches der „Wissenden" und ersten Erfahrungsberichten:
„Aus derzeitiger, wissenschaftlicher Sicht ist das ziemlich sicher rasender Unfug, um es mal klar zu sagen. Es gibt derzeit keinerlei genetisch einigermaßen haltbare oder nachvollziehbare Vorstellungen, wie so was funktionieren soll. ... Von den dort ebenfalls vertretenen, geradezu tierschutzwidrigen Aussagen über Spielverhalten und Spielstunden für Welpen (braucht man nicht, gibt es nicht, lehnen sie ab...) völlig zu schweigen." Er kommentiert weiterhin, dass die Erblichkeiten für die Persönlichkeitseigenschaften bei ca. 20 bis 25 % liegen. Dies bedeutet, dass die Persönlichkeit immer geformt wird durch ein Zusammenspiel von Erbe, Umwelt und Zufallsereignissen. Eine angeborene Rudelstellung, im Sinne von genetisch festgelegt, hält er für unwahrscheinlich. Dr. Adam Miklosi hatte sich ebenso wenig überzeugt geäußert. In weiteren Interviews und Artikeln zur vRS legt Gansloßer sehr anschaulich dar, dass alleine die wissenschaftlichen Prinzipien eine wissenschaftliche Überprüfung unmöglich machen. Ferner, dass die Erbwege für die „Siebenerkonstellation" im deutlichen Widerspruch zu den heutigen Erkenntnissen der Hundegenetik stehen. Besonders problematisch sind für ihn die tierschutzrelevanten Folgen. „Wenn Menschen, die problemlos über Jahre hinweg mit zwei oder mehreren Hunden zusammenleben, plötzlich eingeredet wird, bisweilen sogar einen Senior abzugeben, damit dieser endlich loslassen und in Ruhe sterben könne, ist eindeutig die Grenze zur Tierschutzwidrigkeit überschritten. Gerade in den letzten Jahren haben wir vielfältige Befunde über die Trauer bei Hund und Mensch bekommen, die zeigen, wie sehr Hunde unter der plötzlichen Trennung von Bindungspartnern leiden können. Spätestens hier hört der Spaß auf und ist auch nicht mehr nur als Kuriosität oder unbewiesene Hypothese zu betrachten."

Die fatale Auswirkung auf die Trennung von Bindungspartnern bestätigt auch Dr. Dorit Feddersen-Petersen. Nicht nur, dass sie ihre Sozialpartner vermissen und trauern, sondern sie beschreibt auch Fälle, in denen Hunde sogar gestorben sind.

Leider zeigen sich die Auswirkungen erst nach der Trennung. Diese Trennungsreaktion gibt erst wirklichen Aufschluss über die Intensität einer sicheren und stabilen Bindung zum Bindungspartner, und gemeint sind hier nicht nur die Hunde untereinander, sondern auch die zum Menschen. Sie kann sich in kleinen Irritationen wie Protestverhalten bis hin zu Verzweiflung zeigen. Diese ist Ausdruck von auffälliger Unsicherheit, dem Verlust der Außenorientierung bis hin zum destruktiven Verhalten. Erleidet der Hund den dauerhaften Verlust seines Menschen oder Hundepartners und die soziale Bindung war intensiv, so ist die Trauer und die Reduktion der Lebensqualität offensichtlich. Der biochemische Prozess im Gehirn ist der gleiche wie bei uns Menschen. Die Stressreaktion kann zur psychosomatischen Erkrankung unterschiedlichster Organe sowie zur Schwächung des Immunsystems führen. Die organischen Schäden sind oftmals mit erheblichen Schmerzen verbunden. Das traurige Resultat sind oft gesteigerte Aggressivität und ein stark herabgesetztes Allgemeinbefinden.

Die monatelange „Entschleunigung", also das Abschirmen von der Umwelt, der Verzicht auf Spaziergänge, Hundebegegnungen, Beschäftigung, Erziehung, das sich Selbstüberlassen sowie die ausschließliche Haus- und Gartenhaltung beschreibt Feddersen-Petersen als inadäquate reizarme Haltung, die dem Soziallebewesen Hund wohl eher Schaden zufügt. Sie hält einen solchen Reizentzug für gefährlich und tierschutzrelevant.
Auch Kurt Kotrschal, Professor für Verhaltensbiologie an der Universität Wien, angesprochen auf die vRS-Aussagen, dass die Zuwendung des Menschen zum Hund sowie die Beschäftigung des Vierbeiners purer Egoismus seien und dem Hund Schaden zufüge, bezeichnet er als traurigen Unsinn. Aufgrund ihrer Abhängigkeit zum Menschen würden sie, ließe man ihnen die Wahl, den Menschen als Partner favorisieren.
Dass der Hund aufgrund einer guten Frühsozialisierung ohne seinen Menschen glücklicher wäre, sieht auch Dorit Feddersen-Petersen als Desaster an. „Das wäre für den Hund katastrophal, denn gerade Hunde orientieren sich sehr am Menschen, sind besonders eng mit ihm „verbandelt": Hunde wurden Haustiere, die sich an menschlichen Gesellschaften beteilig(t)en! Wohl die einzigen." Die Vorstellung, dass Hunde im „strukturierten Rudel" völlig autark vom Menschen leben können und damit vor allem auch noch glücklicher sein sollen, erscheint in der Realität kaum fassbar. Ähnlich wird die erziehungsrelevante Frage zur Kommunikation mit Hunden – von wegen „Rudler" sprechen nur in ganzen Sätzen mit den „Eck- oder Leithunden" – als wenig sinnvoll erachtet. Denn Hunde nehmen unsere Sprache ganzheitlich war. Das heißt, sie assoziieren die Wortbedeutung durch den Klang der Stimme zusammen mit Gestik, Mimik und Körpersprache. Unserer digitalen Kommunikation können sie nicht folgen. Sehr wohl aber sind sie in der Lage, uns exzellent zu beobachten, und können den Menschen entsprechend sehr gut „lesen".

Auch die Meinung, dass Spielen für Hunde puren Stress bedeutet, können Kotrschal und Feddersen-Petersen nicht bejahen. Spielen kennzeichnet meist einen „unernsten" Kontext und dient dem Lernen der gegenseitigen Einschätzung sowie der Festigung der Beziehungen, so der Tenor von Kotrschal. Und Dorit Feddersen-Petersen meint insbesondere zum Spiel der Welpen: „es ist eine ursprüngliche, kreative und universelle Kraft, die spontan und immer selbstbelohnend ist. Durch sie erfahren Welpen den Verbund mit dem „Rest der Welt" – auf angenehmste Weise....."

Die Quintessenz von Isolation und Deprivation - also der von vRS geforderten „Entschleunigung" - sind psychisches und physisches Leid. Hier sind sich alle Experten einig. Das pauschale Beschränken von Bewegung, Reizen und Kontakten führt zu Verhaltensstörungen, die mit erheblichem Leid einhergehen. „Erhebliche Leiden sind dabei Ausdruck eines Zusammenbruchs elementarer neuronaler Organisation.

Sechs Kriterien wurden dafür benannt: Stereotypien als zwanghaft ausgeführtes Verhalten, einschließlich solcher Verhaltensweisen, die sich auf Ersatzobjekte beziehen oder dem eigenen Körper gelten und ihn schädigen (Autoaggression), Ausfall oder erhebliche Reduktion des Komfortverhaltens (Körperpflege i.F. von Self-grooming), des Explorationsverhaltens und des Spielverhaltens. Des Weiteren Apathie (Depression oder Akinese); ein Zeichen äußerst tiefgreifender neuronaler Veränderungen. Gekennzeichnet ist Apathie durch motorische Verlangsamung bis hin zur gänzlichen Bewegungslosigkeit. Sie geht einher mit starker Reduktion des Ausdrucksverhaltens (auch der Mimik) und auffallender Interessenlosigkeit an der Umwelt. Und dem Zusammenbruch des tagesperiodischen Aktivitätsmusters (Bigeminus)." (s.a. Feddersen-Petersen, 2008: Ausdrucksverhalten beim Hund)

Günther Bloch hat sich von Anfang an sehr für die Aufklärung über vRS engagiert und entsprechend den Blog-RS klargestellt mit vielen informativen und lesenswerten Artikeln bereichert. Für ihn bleiben alle hypothetischen Überlegungen zur Existenz von „genetisch-fixierten Rudelstellungen" solange pure Spekulation, bis quantitativ und qualitativ aussagefähige Testergebnisse vorliegen. Selbstredend nur solche, die auf einer wissenschaftlich überprüfbaren Methodik fußen. In seinem letzten vorliegenden Artikel beschreibt er die „realitätsfremde Philosophie einer Wunderwelt". Seine hundebiologische Klarstellung zur vRS-Hundeeinschätzung bringt er mit einem Zitat von Dorit Feddersen-Petersen auf den Punkt: „Diese Art der (vRS) Hundeeinschätzung hat nichts mit der Biologie von Hunden zu tun, ist tierfremd und tierschutzrelevant". Für Bloch sollten damit alle Zweifel, ob vielleicht doch irgend etwas an dieser imaginären sieben ererbten Rudelstellung dran sein könnte, erledigt haben. Dass alle, die harmonisch mit ihren vierbeinigen Familienmitgliedern zusammenleben möchten, endlich wieder zur Vernunft kommen mögen. Dies ginge nur biologisch und nicht „unbiologisch" wie bei vRS.

Zu guter Letzt widersprechen die Experten-Meinungen auch der Ansicht, dass lose Verbände asozial seien, unter ihnen viel Unruhe herrsche und sie primär damit befasst seien, ihre Positionen zu bestärken. Andreas Ohligschläger betreibt eine HuTa und beobachtet täglich seit fast einem Jahrzehnt gemischte Hundegruppen von ca. 40 Vierbeinern. Bei seinen intensiven Beobachtungen fiel ihm auf, dass in diesen sozialen Verbänden eine natürliche und ausgeglichene Atmosphäre den Tagesablauf bestimmt. Seine Videoanalysen dokumentieren sehr anschaulich viele ausgelassene und spielerische Interaktionen unter den Hunden. Ein Beleg, dass die Gruppen im Revier für Hunde sehr rücksichtsvoll und sozial miteinander umgehen können. Ganz natürlich wechseln sich dynamische mit ruhigen Momenten ab. Selten muss er durch Abbruchsignale eskalierende Situationen und Auseinandersetzungen beenden. Dies ist ein Beleg für einen sozialen statt asozialen losen Gruppenverband mit einer deutlichen Orientierung am Menschen.

Was macht vRS mit den Hundehaltern....

„Man fühlt sich innerhalb des Mensch-Hund- Teams allein – zu zweit allein, jeder für sich..., es treibt Mensch und Hund völlig auseinander. Ein harmonisches Miteinander gibt es nicht mehr. Der Blick richtet sich ausschließlich auf Stärken und Schwächen und die eingeschätzte Stellung. Der Mensch bringt sich nicht mehr mit ein, steht außen vor, rätselt und sieht nur noch das Verhalten und die Kennzeichnung für diese Stellung. Warum tut er dies und warum das? Der Hund steht typisiert allein da! Der Mensch lässt ihn, weil er ja ein N2 ist und das so tun muss...." Diese Worte stammten von einer Hundetrainerin, die einige Zeit an der Seite von Maja Nowak verbracht hat. Mit vRS verlor Letztgenannte ihre offene herzliche und anteilnehmende Art gegenüber den Menschen. Zumindest war sie nicht mehr so sichtbar. Die Hundetrainerin ist froh, den Absprung geschafft zu haben und ihr Gefühl beschreibt sie, als sei eine Bleiweste von ihr abgefallen. Sie ist eine der wenigen, die sich traut, öffentlich zu sprechen. Viele, die sich inzwischen distanziert haben, fürchten Drohungen und so fehlt ihnen noch der Mut.

Mein persönliches Fazit:

In der Hundeszene hat es und wird es immer wieder sogenannte Gurus mit neu erfundenen Methoden und ungewöhnlichen verhaltensbiologischen Interpretationen geben. Mal mehr und mal weniger mit fatalen Konsequenzen für Hunde und ihre Menschen. Die Theorie um die vererbte Rudelstellung jedoch setzt allem bisher Dagewesenen die Krone auf. Abgesehen von der aus wissenschaftlicher Sicht unhaltbaren Theorie, macht mich persönlich die Tierschutzrelevanz und die Menschenverachtung wütend und auch fassungslos zugleich. Alles was das Zusammensein mit unseren Hunden so lebenswert macht, wird von dieser für mich pseudowissenschaftlichen und aberwitzigen Lehre ad absurdum geführt. Hundehalter, die ihren Sozialpartnern ein möglichst artgerechtes Hundeleben ermöglich wollen, werden als Tierquäler abgestraft. Hunden, die uns Menschen vertrauen, wird unsagbares Leid zu gefügt. Mag sein, dass genau diese versprochene Problemlösung in der Hundeerziehung unseren Zeitgeist trifft. Ist es doch so einfach, sich als Mensch der Verantwortung zu entziehen. Einen Freibrief zu erhalten, aus Unwissenheit nicht „schuld" zu sein. Endlich eine Antwort nebst Schlüssel für alle Lästigkeiten im Umgang mit unseren Vierbeinern zu bekommen. Krankheiten eingeschlossen. Perfekt!

Allerdings stellt sich mir bei der Betrachtungsweise die Frage, warum sich diese Menschen nicht ein batteriebetriebenes Stofftier anschaffen. Gerne auch eine Siebenergruppe. Die kann man jederzeit wunderbar austauschen und beim Wunsch nach Entschleunigung die Batterie entfernen. Dies mag vielleicht sarkastisch klingen, aber auch bei mir hört hier der „Spaß" auf. Mir ist bewusst, dass Hundeerziehung sich nicht immer bequem gestaltet und adäquate Hilfestellung nicht immer einfach zu finden ist. Nur sind wir inzwischen so unfähig geworden, Scharlatane zu erkennen? Unser gesunder Menschenverstand müsste doch bei der Aussage „genetisch festgelegt" Alarm schlagen. Zumindest wenn man die Evolutionsgeschichte nicht in Frage stellt. Und spätestens unser Bauchgefühl müsste uns signalisieren, dass wir unsere Hunde nicht so lange tauschen können, bis es irgendwann mal passt. Jedenfalls nicht ohne dabei Schaden zu nehmen. Bleibt zu hoffen, dass dieser Wahnsinn bald ein Ende findet. Zum Wohle der Hunde und ihrer Menschen.

Bedanken möchte ich mich bei den Betreibern des Blogs Rudelstellungen-Klargestellt. Durch ihre Aufklärung mit den umfassenden Artikeln der engagierten namhaften Experten blieb vielen Mensch-Hunde-Teams das Leid erspart.

Christine Holst

Christine Holst ist Tierpsychologin (ATN)   cm logo color
und beschäftigt sich mit
Hundetraining und Verhaltensberatung

 

Patricia Lösche

Der VDTT wurde 2005 durch Absolventen der ATN, der Akademie für Tiernaturheilkunde, gegründet. Die damaligen Gründungsmitglieder gehörten noch zu den Pionieren der angewandten Verhaltenskunde.

Tierberufe Ausbildung bei der ATN Akademie

VDTT – Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer e.V.

 

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