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Amygdala - Die VDTT Online-Zeitung

Neues und Interessantes aus der Welt der Tiere

Gebisslos reiten: weniger ist mehr

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Zur Zäumung gehört ein Gebiss einfach dazu – so lernt es fast jeder Reitanfänger in der Reitschule. Die Notwendigkeit eines Gebisses wird zumeist wenig hinterfragt. Ob „mit“ oder „ohne“ ist in der Reiterszene allerdings durchaus umstritten. Das erste, was in Sachen Gebiss ein bisschen stutzig macht, ist die Vielzahl unterschiedlichster Modelle, die sich gegenseitig in ihrer Wirksamkeit übertreffen wollen. Die einen verhindern Steigen, die anderen Ausbrechen, die nächsten Kopfschlagen, wieder andere Zungenstrecken. Es scheint, als brauche man nur das „richtige“ Gebiss, und jedes Problem löse sich in Luft auf.

Oh, Schmerz, lass nach

Doch so einfach ist es nicht. Jedes Gebiss ist geeignet, im Maul des Pferdes Schmerzen zu verursachen. Frei nach dem Motto: Füge dich, oder es ergeht dir schlecht. Dabei ist das Pferdemaul genauso empfindlich wie der Mund des Menschen. Das steht wissenschaftlich und tierschutzrechtlich mittlerweile außer Frage. Schleimhaut ist zudem nicht in der Lage, zu ihrem Schutz vor übermäßiger Beanspruchung Hornhaut auszubilden. Wie wenig Druck erforderlich ist, um Schmerzen zu verursachen, kann jeder an sich selbst ausprobieren. Am besten mit etwas metallenem, denn Gebisse sind aus Metall gefertigt.
Druck vs. (Un)Gehorsam
Je nach „Bauart“ kann ein Gebiss Druck auf den Gaumen, den Laden, die Maulwinkel oder die Zunge ausüben. Paradox an dieser Idee ist, dass Druck ein Fluchttier wie das Pferd nicht unbedingt dazu veranlasst, in der gewünschten Weise nachzugeben. Druck erzeugt entweder Gegendruck oder Meide- bzw. Fluchtverhalten. Beides interpretieren Menschen genauso häufig wie unzutreffend als „Widersetzlichkeit“, „Ungehorsam“ oder „Aggressivität“. Hier mit noch mehr Druck therapieren zu wollen, führt in einen Teufelskreis, der weder die Rittigkeit es Pferdes verbessert, noch zu mehr Vertrauen oder einer besseren Mensch-Pferd-Beziehung beträgt. Es erstaunt zuweilen, welch starke Schmerzen Pferde ertragen bzw. hinnehmen, ohne sich zu wehren. Vielfach ist das dann jedoch nur auf das Phänomen der erlernten Hilflosigkeit zurückzuführen.

Schmerzen sind Schmerzen

Vielen Reitern ist bewusst, dass Gebisse Schmerzen beim Pferd verursachen können. Ob diese Schmerzen in Erziehung und Ausbildung „mit Absicht“ zugefügt werden oder ob sie „nur“ einer unerfahrenen Reiterhand geschuldet sind, ist im Endeffekt ohne Belang. Schmerzen sind Schmerzen, und sie beeinträchtigen das Wohlbefinden eines Pferdes nicht weniger, wenn sie unabsichtlich oder aus Versehen zugefügt werden. Pferdeliebhaber, die das wissen, schauen sich nach Alternativen um. Nur, um beim Thema „gebisslos reiten“ sehr schnell festzustellen, dass Beeinträchtigungen des Pferdes auch hier nicht ausgeschlossen sind.

Gebisslos reiten: Nicht immer pferdefreundlicher

Es gibt viele verschiedene gebisslose Zäumungen. Am häufigsten sind Lindel, Sidepull, Hackamore, Bosal und Ringknotenhalfter anzutreffen. Ihr Vorteil ist grundsätzlich, dass sie tatsächlich maulschonender sind, weil das Pferd eben nichts im Maul trägt. Pferdefreundlicher müssen sie deswegen aber noch lange nicht sein. Bei einigen Modellen liegen ungepolsterte Metallteile oder sehr schmale Riemen auf der empfindlichen Pferdenase auf. Sind sie nicht optimal dem Pferdekopf angepasst, können gebisslose Zäumungen beispielsweise auch die Augenpartie beeinträchtigen oder die Ganaschen. Mit einem so genannten mechanischen Hackamore kann man einem Pferd zudem sprichwörtlich im Handumdrehen die Nase brechen. Grundsätzlich macht man also nicht automatisch alles richtig, wenn man auf eine gebisslose Zäumung umsteigt. Wenn aber alles perfekt sitzt und die Zäumung den Druck gleichmäßig am Pferdekopf verteilt und ihn nicht etwa nur auf die Nase konzentriert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man einem Pferd – insbesondere unabsichtlich – Schmerzen über die Zäumung zufügt, beim gebisslosen Reiten wirklich geringer als beim Reiten mit Gebiss. Ein in diesem Sinne sehr empfehlenswertes Modell ist das Lindel, eine Sidepull-Variante von TTouch-Entwicklerin Linda Tellington Jones.

Eine „weiche Hand“ ist Übungssache

Ob mit oder ohne Gebiss: In erster Linie entscheidet über pferdefreundliches Reiten eine einfühlsame, „weiche“ Reiterhand. Wichtig ist immer, zunächst das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen und ihm Zeit zu geben, am Boden zu erlernen, was später aus dem Sattel heraus verlangt wird. Und zu berücksichtigen, dass Zügel nicht dazu gedacht sind, sich am Pferd festzuhalten. Auch zur Hilfengebung sind Zügel nicht zwingend erforderlich. Wer sich das bewusst macht und mit seinem Pferd entsprechend arbeitet, kann irgendwann sogar oft ganz Zaumzeug verzichten – und sein Pferd mit einem Halsring reiten oder, ganz wie die alten Indianer, indem er sich an der Mähne festhält. Wer zu dieser hohen Kunst der echten Harmonie zwischen Pferd und Reiter finden will, muss sich ein umfassendes Wissen in Sachen Pferdeverhalten aneignen. Empfehlenswert ist, sich bei Trainern, die in Sachen gebisslos Reiten wirklich versiert und erfahren sind, Unterstützung zu holen.

Autorin: Judith Böhnke, Diplom-Wirtschaftsjuristin und ATN-Absolventin, arbeitet als Hundetrainerin und Tier-Verhaltensberaterin. Sie ist Mitglied im VDTT und hat sich auf die Ausbildung von Therapiehunde-Teams und Gewaltfreie Kommunikation spezialisiert. Ihre Homepage: www.mensch-tier-akademie.de.

VDTT

Der VDTT wurde 2005 durch Absolventen der ATN, der Akademie für Tiernaturheilkunde, gegründet. Die damaligen Gründungsmitglieder gehörten noch zu den Pionieren der angewandten Verhaltenskunde.

Tierberufe Ausbildung bei der ATN Akademie

VDTT – Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer e.V.

 

sekretariatreck(@)vdtt.org

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