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Amygdala - Die VDTT Online-Zeitung

Neues und Interessantes aus der Welt der Tiere

Hundeelend in Rumänien

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Trotz jahrelanger Aufklärung und Unterstützung aus dem Ausland für Tierschutzorganisationen in Rumänien greifen die inzwischen eingesetzten Maßnahmen nicht. Die Straßen- und Streunerhunde werden immer noch eingefangen und auf grausame Weise getötet.

 

Hundeelend in Rumänien

Seit Jahren gerät Rumänien immer wieder in die Schlagzeilen: Seit gut 12 Jahren werden dort Streunerhunde auf barbarische Weise zu Tausenden eingefangen und getötet, obwohl Tierschutzorganisationen und Privatpersonen gleichermaßen dagegen Sturm laufen. Dennoch bleibt die Situation für die Streunerhunde dramatisch, denn die Rechtsgrundlagen in Rumänien für Tierschutz stagnieren und sind weitgehend widersprüchlich und unklar! Nachdem Anfang 2012 der Gesetzesentwurf PL 912 zum offiziellen Fangen und Töten der Streunerhunde als teilweise verfassungswidrig und unzulässig ans Parlament zurückgegeben wurde, gibt es bei der Frage, wie mit den heimatlosen rumänischen Hunden verfahren werden soll, keine einheitliche Regelung. Dafür aber erhebliche und unselige Interessenskonflikte: Denn auch der neue Gesetzesentwurf L 771 ist bislang völlig unausgegoren und auch noch nicht verabschiedet. Der darin vorgesehene „Schutz“ der Streunerhunde, indem diese von der Straße zu holen und in sogenannten „City Halls“ unterzubringen seien, bedeutet allzu oft nur ein Wegsperren der Hunde. Tatsächlich werden die Hunde häufig ohne Wasser, Futter und medizinische Hilfe „verwahrt“ und gehen letztlich elendig zugrunde.

Dies verschärft sich durch erhebliche Interessenskonflikte von verschiedenen Personengruppen, die über die Hundetötungen Riesengewinne „erwirtschaften“. Rechtsvorschriften indes zu den seit 2008 verbesserten Tierschutzbestimmungen werden auch weiterhin von Behördenseite oft fast vollständig ignoriert.

Das „große Geschäft“ mit der Masseneuthanasie von Hunden

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurden auch in Rumänien unzählige Häuser mit alter Bausubstanz abgerissen. Häuser, die bis dahin auch Zuhause vieler Hunde waren. Die Vierbeiner landeten zwangsläufig herren- und heimatlos auf der Straße, vermehrten sich dort und wurden zu einem „Ärgernis“ für die Städte, ohne dass diese gegengesteuert hätten. Die von den Behörden bevorzugte Strategie heute lautet, die Hunde einzufangen und zu töten.
So gab die Stadt Bukarest allein 9 Millionen Euro aus, um im Zeitraum von 2001 bis 2007 rund 144.000 Hunde töten zu lassen. Timisoara „investierte“ dafür im Zeitraum von 2006 bis 2010 stolze 1,14 Millionen Euro, Brasov allein zwischen 2003 und 2008 1,45 Millionen.


Betrug und Gewinn mit Tierkörperverbrennungen

CarmenArseneDie Worte von Dr. Carmen Arsene, Vorsitzende des rumänischen Tierschutzbundes, bestürzen:
„Die Spitze des Eisbergs stellt PROTAN dar, ein umstrittenes Unternehmen für Tierkörperverbrennungen. Die Kosten der Verbrennung pro Kilo eines toten Körpers sowie der Transport der Hunde betragen etwa 15 Euro. Die Berichterstattung ist oft fiktiv, sodass 1 kg totes Gewicht auf dem Papier 10 kg bedeuten, somit sich der Gewinn verzehnfacht. In Anbetracht der tatsächlichen Anzahl von Hunden, die sich momentan auf den Straßen befinden, könnten bis zu 80 Million Euro generiert werden, lediglich durch die Verbrennung der Hunde, die in den „City Halls“ getötet werden. Und das ist nur der Anfang. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sich die Anzahl der streunenden Hunde tatsächlich auf etwa eine halbe Million beziffern lässt und nicht auf die drei Millionen, die die Behörden nennen, könnten im ersten Anlauf 250 Millionen Euro ‚gewonnen‘ werden.“
Die Masseneuthanasie, die seit 12 Jahren in Rumänien als Mittel der Wahl zur „Überwindung des Streuner-Hundeproblems“ realisiert wird, brachte anstelle einer echten Lösung riesige Gewinne für diejenigen, die direkt in das “Management” der streunenden Hunde involviert waren, so Carmen Arsene weiter. „Für die Versorgung der Hunde in den City Halls werden von den Behörden Budgets für Unterkunft, Fütterung, Sterilisierung, Identifikation, Euthanasie und Verbrennungen toter Tiere zur Verfügung gestellt. Wer sich dieses Geld aber in die eigene Tasche schaufelt, anstatt es seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen, verdient ordentlich. Hinzu kommen die Hundefänger, die ihrerseits zu ‚wirtschaften‘ wissen: Rumänische Bürger, die sich für die Streunerhunde engagieren und sie vor dem Einfangen bewahren wollen, müssen pro Hund eine makabre ‚Schutzgebühr‘ in Höhe von 25 Euro an den Hundefänger bezahlen, damit er sie lässt, wo sie sind.“

Legaler Betrug mit öffentlichen Geldern, auf Kosten leidender Tiere

Carmen Arsene erhebt zum Teil schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen im rumänischen „Hunde-Management“. Hier seien Korruption und Betrug an der Tagesordnung, so die Tierschützerin. „Selbst namhafte und einflussreiche Tiermediziner wie die Tierärztin und Präsidentin des College of Romanian Veterinarians, Emilia Herescu, sind involviert. Mittlerweile ist die grundlose Euthanasie gesunder Hunde nach rumänischem Recht eine Straftat, doch Herescu unterzeichnet und legalisiert damit weiterhin illegale ‚Fang & Tötungs-Verträge‘ mit verschiedenen Gemeinden. Seit 2009 ergingen zahlreiche Anzeigen und Strafverfahren gegen Herescu. Konsequenzen lassen bis heute auf sich warten – Dr. Emilia Herescu betreibt Ihre ‚Arbeit‘ weiter und tötete allein im Zeitraum von 2008 bis 2010 über 7.000 Hunde”, so beschreibt Carmen Arsene die Situation.


Bankrotterklärung an den Tierschutz

Als wäre die grundlose Tötung der Streunerhunde nicht schon erschütternd genug, so macht Carmen Arsene, wie auch viele internationale Tierschutzorganisationen, zugleich auf die unvorstellbaren Grausamkeiten des Tötens aufmerksam. Die Hunde werden nicht „nur“ eingeschläfert. Sie werden vergiftet, erschlagen, erschossen, erstochen, stranguliert, oft sogar lebendig verbrannt, wie Carmen Arsene berichtet:
„Die Tiere vegetieren komplett ohne Wasser, Futter und medizinische Versorgung vor sich hin, gleichen sprichwörtlich ‚Skeletthunden‘. Hunde, durch Hunger oder Krankheit gestorben, deren Körper diejenigen Tiere ernähren, die noch am Leben sind und anschließend durch Herescu getötet werden. Sanktioniert allerdings wurden das Fehlen von Mindestanforderungen, wie z.B. an Unterkünfte, sowie die Verletzung der sanitären Normen für Tier und Umwelt noch nie. Dabei wäre genau das Aufgabe der Veterinärbehörde.“
Innerhalb Rumäniens eine Vermittlung der gefangenen Streunerhunde zu erwirken, ist beinahe aussichtslos. Denn die Adoption eines Tierheimhundes in Rumänien ist teuer und kostet bis zu 125 Euro. „Das entspricht einem durchschnittlichen Monatseinkommen, wobei die Hunde dann noch nicht einmal kastriert oder geimpft sind“, sagt Carmen Arsene. „Hunderttausende von Hunden wurden in Rumänien bereits getötet. Dabei ist die Zahl der getöteten Hunde paradoxerweise weit höher als die Zahl der streunenden Hunde, die zu Beginn des Tötungsprogramms in den Straßen gefunden wurden. Die Effizienz des Programms beträgt also weniger als Null, und die Straßen sind mit Hunden überfüllt.“
Wie sagte Albert Einstein doch gleich? „Wahnsinn ist, die gleiche Sache immer und immer wieder zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Warum „Fangen & Töten“ immer scheitern muss

„Hundebeseitigungsmethoden“ wie Töten oder Gefangenhalten haben zur Folge, dass die Reproduktionsrate der betroffenen Spezies mit der Fang-Rate dennoch steigt (Untersuchungen Robert Smith). Ähnliches ließ und lässt sich übrigens in Bezug auf viele Wildtiere beobachten, die verstärktem Jagddruck durch den Menschen ausgesetzt sind. In einem Bezirk, in dem 50 Prozent der Tiere gefangen und aus dem Umkreis entfernt werden, gleichen die verbliebenen 50 Prozent der Tiere den Populationsverlust durch eine gesteigerte Fortpflanzungsrate aus. Das begründet sich u.a. auch darin, dass die wenigen Verbliebenen die gesamten zur Verfügung stehenden Futterressourcen nutzen.
Die andere Seite des Schreckens: Wie der Einsatz für die Streunerhunde manchmal wahre Wunder vollbringt
Hervorzuheben ist, dass dem Vorgehen gegen die Streunerhunde auch der Einsatz von rumänischen Tierschützern und couragierten Privatpersonen gegenüber steht. Viele Hunde konnten durch deren beherzte Interventionen gerettet werden. Denn es gibt auch die „anderen“ Tierheime und Tierschutz-Stationen, jene, in denen die Hunde wirklich versorgt und aufgepäppelt werden und in denen ihnen Zuwendung geschenkt wird. Leider aber noch viel zu wenige…Manchen Hunden wird dort vielleicht zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben Zuneigung, Liebe und Empathie zuteil. Die Leistungen und der Einsatz dieser Menschen und Tierschützer, die oft unter schwierigsten Bedingungen arbeiten, kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Und auch in der Bevölkerung gab und gibt es auch in Rumänien Einzelaktionen, um Tiere zu retten. So nahm z.B. eine rumänische Rentnerin fast 70 Tiere bei sich auf, um sie solange zu beschützten, bis Hilfe von der Vier Pfoten Stiftung kam. Und das, obwohl die Rentnerin häufig selbst nicht weiß, womit Sie ihr eigenes Essen bezahlen soll.
Einige ehemalige Streunerhunde werden mittlerweile auch zu Therapiehunden ausgebildet, nachdem sie gesund gepflegt wurden. Gerade Hunde mit einer eigenen Geschichte können Menschen in Altenheimen oder auch traumatisierten Kindern häufig besonders gut neue Kraft und Lebensmut vermitteln. Wie die Streunerhündin „Piciotus“ aus Bukarest, die das „Vier-Pfoten-Team“ verletzt und winselnd am Straßenrand von Bukarest fand. Trotz ihrer schlechten Erfahrungen mit Menschen, fasste die Hündin wieder Vertrauen. Inzwischen ist sie ein geliebter und unverzichtbarer Therapiehund.
Auch die deutsche Tierschutzorganisation TASSO vermeldet in diesen Wochen Erfreuliches:
„Zwischenstand aus Bals in Rumänien: Buchstäblich im Akkord-Einsatz haben Tierärztin Nina Schöllhorn und ihr Team Hilfe zur Selbsthilfe für Rumäniens vergessene Vierbeiner geleistet. In einem Gemeinschaftsprojekt vom bmt (Bund gegen den Missbrauch der Tiere), TASSO und dem Tierärztepool hat das Team rund um die engagierte Tierärztin eine tolle Zwischenbilanz vorzuweisen: 195 Kastrationen von vornehmlich Hunden und 9 weitere lebensrettende OPs wurden an den Vierbeinern durchgeführt. Das Projekt hat Vorzeige-Charakter und trifft auf großen Zuspruch in der Bevölkerung, zumal nicht nur Straßentiere kastriert werden, sondern auch Tiere privater Halter, um die Vermehrung der oftmals freilaufenden Besitzerhunde zu unterbinden.“
„Ich will den Himmel nicht betreten, wenn dieser Hund nicht mit mir kommt”, sagte König Yudhistiras. Indra, der Gott sprach: “Heute noch wirst du Unsterblichkeit, Erlösung und unvergängliche Glückseligkeit gewinnen. Du begehst keine Sünde, wenn du diesen unreinen Hund zurücklässt.” “Nein”, beharrte Yudhistiras, “nicht für alle Schätze des Himmels will ich diesen Hund im Stiche lassen, der meinen Schutz gesucht hat mir treu ergeben war.” (Mahâbhârata/ Indien)
Wenn auch Sie sich für die rumänischen Straßenhunde engagieren möchten, können Sie das mit einer Spende und/oder eindringlichen Protesten tun. Unterstützung brauchen beispielsweise:
www.tierhilfe-hoffnung.com
www.pfotenfreunde-rumaenien.de
www.salvate-canes.de
www.PETA.de
www.bmt-auslandstierschutz.de
www.Vier-Pfoten-Stiftung.de
www.tasso.de
Protestschreiben senden Sie am besten an die Rumänischen Botschaften in der Schweiz und in Deutschland.

Wardeck Mohr

 

Autorin: Dr.rer. nat. Barbara Wardeck-Mohr ist Sachverständige, Wissenschaftsreferentin, Fachbuchautorin für das Hundewesen und Radio-Expertin zum Thema Mensch und Hund. Sie setzt sich seit Jahren intensiv für die Rechte von Hunden und Hundebesitzern ein, insbesondere in Bezug auf “Kampf-” bzw. “Listenhunde”. Ihre Homepage: www.rhetorik-und-kommunikation-dr-wardeck-mohr.de.

VDTT

Der VDTT wurde 2005 durch Absolventen der ATN, der Akademie für Tiernaturheilkunde, gegründet. Die damaligen Gründungsmitglieder gehörten noch zu den Pionieren der angewandten Verhaltenskunde.

Tierberufe Ausbildung bei der ATN Akademie

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sekretariatreck(@)vdtt.org

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